Verwerflicher Masochismus

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Eros N. Mellini

Editorial

Masochismus ist, wenn ein Mensch Lust oder Befriedigung dadurch erlebt, dass ihm Schmerzen zugefügt werden. Es gibt ihn in unterschiedlicher Schwere und diversen Formen – den sozialen, religiösen, erogenen etc. etc. – aber ich möchte den in Wikipedia oder anderen mehr oder weniger seriösen Texten aufgezählten Formen eine hinzufügen: Den politischen Masochismus. Meines Erachtens ist es die absurdeste und in jedem Fall dümmste Form dieser psychischen Perversion. Es handelt sich dabei wohlverstanden um jene Ausprägung dieser Krankheit, die seit rund 50 Jahren in zunehmendem Masse Fuss fasst in Form von Selbstkasteiung wegen angeblich von unseren Vorfahren begangener, schuldhafter Fehler. Begangen in Verhältnissen, die wir nicht selber erlebt haben, und die – nachdem mehrere Jahrzehnte vergangen sind – weder irgend etwas Positives noch eine Wiedergutmachung für die Opfer bewirkt. Denn diese sind zwischenzeitlich oft verstorben und für jede manchmal ehrliche, aber zumeist höchst heuchlerisch anmutende Bussfertigkeit nicht mehr zugänglich. Ein Beispiel unter vielen: Die Einsetzung der Bergier-Kommission und deren gleichnamiger Bericht.

Eine ansteckende Krankheit

Anfänglich befällt sie einzelne Personen, dann breitet sie sich aus und steckt andere Leute an, die sich zu Gruppen formieren, welche dann ihrerseits zur Proselytenmacherei (aufdringliche Werbung für eine Anschauung) schreiten und damit auf die massgebenden einheimischen politischen Kräfte einwirken und mit der Einimpfung völlig unangebrachter Schuldgefühle deren Tätigkeiten bedingen.

Unangebracht deshalb, weil…

…erstens die Bürger oder Politiker von heute nicht verantwortlich gemacht werden können für das, was die Bürger oder Politiker von gestern getan haben. Und angesichts des politischen Formats der heutigen, zweifle ich daran, dass sie es besser zu machen imstande gewesen wären als die gestrigen.

Zweitens behaupten nur einige wenige Leute, dass die früheren Bürger und Politiker falsch gehandelt haben; zudem sagen sie dies in völliger Unkenntnis der für das früheren Handeln massgebenden historischen Zusammenhänge. Ein einfaches Beispiel: Wenn unsere Landsleute in Zeiten des Zweiten Weltkriegs sklavisch befolgt hätten, was heute die wohlmeinenden Gutmenschen – vom sichern Port aus und (hoffentlich noch lange) fernab von Kriegen – als „politisch korrekt“ betrachten, hätte der gute Hitler wohl kaum auf eine Invasion der Schweiz verzichtet und dafür eine der von diesen Neo-Masochisten herbei gewünschten Haltungen à la Winkelried zum Vorwand genommen. Und wie Winkelried wären wir am Ende des Krieges – wenn dieser wie dann geschehen ausgegangen wäre, was zu jener Zeit alles andere als klar war – allesamt zu Helden erklärt worden; zu Helden, ja, aber (ein nicht ganz unwesentliches Detail): zu toten Helden.

Eine Haltung, die unsere Vorfahren nicht hatten

Und gerade deswegen haben sie wahrscheinlich aus der Schweiz dieses kleine aber grossartige Land gemacht, das wir bis vor einigen Jahrzehnten waren. Eine vernünftige Dosis des machiavellistischen Grundsatzes, dass der Zweck die Mittel heiligt – eine wohlverstandene vernünftige Dosis, denn dessen ungeachtet hat unser Land nie darauf verzichtet, Solidarität zu zeigen und gute Dienste zu leisten – ermöglichte es der Schweiz im Laufe der Jahrhunderte, sich zu behaupten und von der ganzen Welt beneidet zu werden. Aber es bedufte nur einiger Jahrzehnte eines grösseren Wohlstands, um eine Generation von Weicheiern hervorzubringen, die sich nun – gemütlich eingebettet in ein Sozialsystem, das ihnen immer mehr bietet und immer weniger von ihnen abverlangt – anmasst, die Ursprünge ihres Wohlstands an den Pranger zu stellen, indem sie behaupten, dass die Schweiz sich schämen und Schuldgefühle dafür haben müsse, dass es ihr besser geht als den anderen. Und diese Politik trägt, wohlverstanden, bereits ihre vergifteten Früchte, denn wenn es zutrifft, dass es uns alles in allem noch (zu) gut geht im Vergleich mit den anderen Ländern, hinkt dieser Vergleich in jeder Hinsicht, wenn wir die Schweiz selbst vor 30 Jahren mit der heutigen Schweiz vergleichen, denn da sind die Einbussen mehr als nur offensichtlich.

Sollten wir unseren Wohlstand teilen ? Das wäre, über ein vernünftiges Mass hinaus, nicht mehr Solidarität, sondern schlicht Dummheit

Die insinuierten Schuldgefühle lassen freien Lauf für eine ganze Reihe verwerflicher Politiken, die mittlerweile paradoxerweise die Behörden und Parteien dazu veranlasst haben, dem Wohlstand der anderen grösseres Gewicht beizumessen als jenem der eigenen Bürger. Ach wie arm sind doch die Länder der Dritten Welt, wir müssen ihnen helfen – doch aufgepasst: Das Nötige für sie reicht nicht aus, um dort graduell einen annehmbaren Lebensstandard zu entwickeln, nein, sie müssen über all das verfügen können, was wir hier haben. Dabei vergisst man ein kleines Detail: Die Schweiz erlangte ihren Wohlstand nicht vom einen Tag zum anderen, es war das Ergebnis jahrelanger Arbeit und persönlichen Bemühens der Bevölkerung über Jahrhunderte hinweg. Niemand hat uns mit erklecklichen Entwicklungshilfe-Beiträgen geholfen. Und im Gegensatz zu anderen Staaten kann man uns keine koloniale Vergangenheit mit einer „unwürdigen“ Ausbeutung vorwerfen; somit sind allfällige Schuldgefühle umso unbegründeter.

Wenn ich sehe, wie man bei der Finanzierung der nationalen Sicherheit kargt oder unangemessene Vorschläge für die Sanierung der AHV unterbreitet und gleichzeitig Milliarden von Franken für die Entwicklungshilfe (der anderen) oder für Kohäsionsbeiträge an EU-Staaten (aber was geht denn uns deren Kohäsion an?) verschwendet, finde ich, dass unsere Solidarität, wenn nicht gar schon unser gesunder Menschenverstand in totale Blödheit umgeschlagen hat.

Ist ein Ausweg noch möglich? Da sehe ich schwarz, ja gar rabenschwarz.

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