Und was ist mit den Rechten der Nudisten?

Nov 5 • Deutsche Seite, Prima Pagina • 114 Visite • Commenti disabilitati su Und was ist mit den Rechten der Nudisten?

Eros N. Mellini

Eros N. Mellini

Editorial

 

Im Tessin scheint das Verhüllungsverbot in öffentlichen Räumen gemäss veröffentlichten Verlautbarungen der Behörden keinerlei Probleme bereitet zu haben, ausser dass es Gelegenheit bot für eine ungerechtfertigte und überzogene Reaktion, und damit für Behauptungen einer einzigen Provokateurin und ihres „sponsors“ als Bussenzahler. Eine „Viertelstunde der Glorie“, welche der gesunde Menschenverstand gerne zu gewähren vermieden hätte, aber welcher diverse Medien ein breites, meines Erachtens zu grosses Echo zugestanden haben. Übrigens scheint es, dass die seitens unserer Polizei eher „soft“ geleistete Kontrollarbeit – in Lugano verblieb es bei einem sogar ins Arabische übersetzten Merkblatt, das den Rechtsbrecher(-innen) ausgehändigt wurde – dazu geführt hat, dass unsere Gesetze recht gut akzeptiert wurden.

 

Auch die Hoteliers – die ja vor allem mit grossen finanziellen Einbussen rechneten infolge des befürchteten Ausbleibens muslimischer Gäste – scheinen keinen grossen Verlust erlitten zu haben. Dies alles ist erfreulich und lässt hoffen, dass der gleichlautenden Initiative auf eidgenössischer Ebene Erfolg beschieden sein wird.

 

In der Zwischenzeit bewegt man sich allerdings in den anderen Kantonen etwas in einer Grauzone, dies wegen des Fehlens einer klaren rechtlichen Grundlage vor allem in einzelnen Bereichen.

 

Das ist der Fall im Kanton St. Gallen, wo der Grosse Rat das islamische Kopftuch in den Schulen verboten und den Staatsrat aufgefordert hatte, dafür eine Rechtsgrundlage zu erarbeiten – nachdem das Bundesgericht (das den politischen Behörden stets gerne Hindernisse in den Weg legt, wenn es um die Gutheissung von Forderungen von Ausländern oder von Völkerrecht geht) die Beschwerde einer bosnischen Schülerin muslimischen Glaubens von St. Margrethen gutgeheissen hatte.

 

Der Staatsrat hat deshalb eine Gesetzesänderung in die Vernehmlassung geschickt, welcher de facto den grossrätlichen Auftrag aufhebt. Kein Schleierverbot in den Schulen, sondern nur eine Pflicht für Schülerinnen und Schüler, „sich korrekt zu kleiden“ und auf eine Bekleidung zu verzichten, welche den Schulbetrieb stören oder den „schulischen Frieden“ gefährden könnte. Was heisst das, sich „korrekt zu kleiden“? Dieser Ausdruck gibt Spielraum für alle möglichen Interpretationen. Während das, für einen orthodoxen Juden, bedeuten kann, selbst in den heissesten Sommermonaten einen vollständig schwarzen Anzug mit weissem, bis zum letzten Knopf zugeknöpftem Hemd sowie schwarzem Hut resp. einer „Kippah“ (traditionelle jüdische Kopfbedeckung) zu tragen, ist es für einen südländischen Schüler  vielleicht ausreichend, einen Lendenschurz zur Bedeckung seiner intimsten Körperteile zu tragen, der seiner laufenden geschlechtlichen Entwicklung Rechnung trägt (Grösse 1-3 = Kindergarten, 4-6 = Primarschule, 9-15 = Sekundarschule usw.)? Und zwischen diesen beiden extremen Beispielen gäbe es eine Reihe von traditionellen Bekleidungen, vom weissen Hemd mit St. Galler Spitzen (wie in Westafrika üblich) bis zum japanischen Kimono? Wenn man darüber nachdenkt, dass in einigen europäischen (und nicht europäischen) Schulen eine Pflicht zum Tragen der Schuluniform besteht, und dass bis vor wenigen Jahrzehnten (also nicht vor hunderttausend Jahren) die Kindergärtler und Primarschüler einen Schurz tragen mussten, kann der Entscheid des St. Galler Staatsrats einige dornenvolle Fragen aufwerfen.

 

Bereits 2010 – berichtet der „Corriere del Ticino“ – hat der st.gallische Schulrat, damals unter der Leitung des Chefs des kantonalen Erziehungsdepartements Stefan Kölliker (SVP), den Schulen empfohlen, in der Schule das Tragen von islamischen Schleiern und andere Kopfbedeckungen zu verbieten.

 

Diese Empfehlung wurde von einer Schule in St. Margrethen gegenüber einer bosnischen Schülerin muslimischen Glaubens umgesetzt, und ihr wurde verboten, in der Schule den Hijab (einen Schleier, der das Gesicht nicht bedeckt) zu tragen. Das St.Galler Verwaltungsgericht hatte diesem Entscheid jedoch widersprochen und das von der Schule verhängte Verbot aufgehoben. Die Schulbehörden haben dann beim Bundesgericht dagegen rekurriert, aber unser höchstes Gericht hat es für richtig befunden (wen wundert’s?), das Tragen des islamischen Schleiers in den Schulen als berechtigt zu erklären, „um nicht die Glaubens- und Gewissensfreiheit zu gefährden“.

 

Für die St.Galler Regierung weist der aufgezeigte Weg in Richtung Hilfe zur Integration (wieviel Integrationslust jemand verspüren soll, der hierzulande seine eigenen Gebräuche  durchsetzen will, soll mir mal jemand erklären!). „Ein generelles Verbot der völligen Gesichtsverhüllung könnte einige Frauen davon abhalten, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen“, schreibt der Staatsrat. Ich hätte zwei Antworten dazu:   

 

  1. Wen kümmert es denn, wenn ein paar wenige Frauen es vorziehen (es ist ihr eigener Entscheid), sich nicht mehr in der Öffentlichkeit zu zeigen?

  2. Wenn ausländische Gäste, die der Nacktkultur huldigen, ebenso damit drohen würden, nicht mehr öffentlich aufzutreten: Würden Sie sich dann deren Integration ebenso zu Herzen nehmen?

 

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