Selfmade = Bessere Lebensqualität?

Giu 16 • Deutsche Seite, Prima Pagina • 106 Visite • Commenti disabilitati su Selfmade = Bessere Lebensqualität?

Rolando Burkhard

Alles selber machen (müssen) ist die moderne Devise. Sei es an der Tankstelle, für Post- und Bankgeschäfte, für SBB-Billette, beim Buchen von Flug- und Hotel-Reisen, beim Einkaufen in Coop/Migros, beim Zusammenstellen eines gekauften Möbels, bei Reparaturen, bei der Beratung etc. Bringen uns diese wirtschaftlich begründeten Service-Auslagerungen wirklich Vorteile und sind sie sozial wünsch- und tragbar ?

Die uns aufgezwungene Selfmade-Mentalität scheint unaufhaltbar

Tankstellen: Früher konnte man dort einfach anhalten, und eiligst war jemand zur Stelle, der dir den Wagen tankte, die Scheiben des Fahrzeugs wischte und auf Wunsch hin auch den Ölstand und den Luftdruck der Pneus kontrollierte; man zahlte vom Fahrzeug aus und gab dem guten Geist an der Tankstelle je nach Aufwand ganz gerne 5-10 Franken Trinkgeld. Heute ist niemand mehr dort und man macht alles selber. Die Tankangestellten sind ausgestorben.

SBB: Früher gab es in unseren Bahnhöfen noch stets geöffnete Schalter, an denen man das gewünschte Bahnbillett lösen konnte. Heute müht man sich selber an Automaten ab, muss weiss nicht was eintippen und verpasst zumeist den gewünschten Zug, weil irgendetwas nicht rechtzeitig funktioniert hat. SBB-Beamte an den Schaltern gehören zur aussterbenden Rasse.

Post/Bank: Früher gab es noch zahlreiche Post- und Bankfilialen, an deren Schalter man im persönlichen Kontakt seine Geschäfte abwickeln konnte. Heute gibt’s kaum noch Filialen, und man wird auf das E-Banking und E-Posting verwiesen. Will heissen: Mühsames eintippen zuhause von 18stelligen Kontonummern (sich ja nicht vertippen, denn sonst geht’s schief !), unter dauernder Inkaufnahme des häufigen Risikos des Nichtfunktionierens oder von Hacker-Angriffen auf die eigenen Konto-Daten. Wieviele Post- und Bankbeamte suchen heute einen neuen Job?

Coop/Migros etc.: Früher zahlte man seine Einkäufe an der Kasse der Läden in bar. Heute kann/muss man wohl bald einmal überall jeden eingekauften Artikel an der Kasse selber einscannen und kann nur noch per Karte elektronisch bezahlen. Kassierer/-innen braucht’s keine mehr. Die finden auch kaum noch eine andere Stelle. Die Sozialhilfe lässt grüssen.

Buchung von Reisen: Früher organisierte man Reisen im Reisebüro, das Beratung bot und für den guten Verlauf gerade stand. Heute bucht man Flüge/Hotels etc. via Internet von zuhause aus direkt und macht das check-in auf den Flughäfen mühsam auch selber. Wenn dann irgendetwas nicht klappt (was häufig der Fall ist), fühlt sich niemand verantwortlich für berechtigte Schadenersatzansprüche. Das eine um das andere Reisebüro ist am Schliessen.

Möbel: Früher kaufte man Möbel beim Schreiner. Nach Mass und individuellem Wunsch, und qualitativ hochstehend. Heute fährt man kilometerweit in irgendwelche Einkaufszentren und kauft billige Ikea-Möbel ein, die man dann mühsam zuhause versucht, irgendwie zusammen zu schrauben. Die Instruktionen für diese Arbeit sind in ihrer aus dem Koreanischen übersetzten Version fast so verständlich wie Einsteins Relativitätstheorie; und dann fehlen in der Packung zumeist die passenden Schrauben. Alles billig, aber Ärger, nichts als Ärger. Unsere einheimischen Schreiner lassen sich zu Informatikern umschulen.

Reparaturen: Irgend eines Ihrer elektronischen Geräte wie TV etc. oder Ihr Kühlschrank funktioniert plötzlich nicht mehr? Wahrscheinlich, weil darin irgend ein kleines Teilchen wie etwa ein 3-4fränkiger Kondensator den Geist aufgegeben hat. Früher konnte man es reparieren lassen. Heute? Sie wollen das Gerät heute reparieren lassen? Vergessen Sie es. Die Reparatur kostet mehr als die Anschaffung eines neuen Geräts, ungeachtet des Zustands. Reparieren will heute niemand mehr, nur noch verkaufen. Die Geräte sind ja heute auch bewusst so konstruiert, dass sie stets 2-3 Tage nach Ablauf der Garantiefrist ihren Geist aufgeben. Die alten Geräte müssen entsorgt werden. Der vielgepriesene Umweltschutz lässt grüssen. Die letzten Leute, die heute noch etwas zu Reparieren willens oder fähig sind, werden langsam 80jährig.

Probleme: Sie haben Probleme mit einem eingekauften Produkt und wünschen eine Beratung ? Früher hatte man einen direkten Draht zu einem Ansprechpartner des Verkäufers, der Ihre Probleme kannte oder mindestens verstand. Heute wird man auf eine anonyme Hotline verwiesen, und irgend jemand aus einem indischen Call-Center versucht dann, Ihnen aufgrund seiner wenigen elektronische Daten zu helfen. Zumeist ergebnislos, schon nur weil man sich sprachlich kaum versteht. Zuständige einheimische Leute für die Beratung wären für unsere Betriebe viel zu teuer.

Si stava meglio quando si stava peggio?

So ist das alles heute. Heute ist alles angeblich komfortabler, und es scheint alles besser zu sein als früher. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls ist alles prima vista billiger. Aber ist es wirklich besser? Geht es uns heute wirklich besser als früher, oder „si stava meglio quando si stava peggio“ (wie man im Tessin zu sagen pflegt)?

Fest steht, dass die uns aufgezwungene (oder selbst gewählte?) Selfmade-Mentalität zu Komforteinbussen führt. Der Service ist bei weitem nicht mehr derselbe wie früher. Man streitet darüber, was Ursache und was Wirkung ist. Schliesst man laufend Poststellen, weil weniger Leute an die Schalter gehen, oder gehen weniger Leute an die Schalter, weil es immer weniger Poststellen gibt?

Bleibt der wirtschaftliche und menschliche Faktor: Die uns heute zumeist aus Wirtschaftlichkeitsgründen aufgezwungene Selfmade-Mentalität ist zutiefst egoistisch und menschenfeindlich: Die Betriebe und Unternehmen lagern aus angeblichen Kostengründen die zuvor selber erbrachten Dienstleistungen an die Konsumenten aus und verursachen mittels Entlassung von weniger qualifiziertem Personal für zunehmend mehr Arbeitslosigkeit auf Kosten der Steuerzahler (die ja die Arbeitslosen oder Ausgesteuerten dann sozial unterstützen müssen).

Wir alle leiden also doppelt: Durch Komforteinbusse infolge immer lausiger Dienstleistungen, und durch Berappung jener Arbeitslosen, welche diese Dienstleistungen wegen Entlassungen nicht mehr erbringen können.

Zudem findet durch diesen Trend auch eine beängstigende Verarmung der menschlichen Kontakte statt. Statt Menschen begegnet man heute am Telefon, am Schalter oder an der Kasse zunehmend nur noch Maschinen oder Automaten. Dies führt zum fehlenden Meinungsaustausch zwischen Menschen verschiedenen Alters, verschiedener Herkünfte, verschiedener Verhältnisse und verschiedener Ansichten. Das ist Gift für den sozialen Zusammenhalt unseres Landes.

Comments are closed.

« »