Piano di Peccia, 28. Juni 1909

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Rolando Burkhard

Der Euro ist nichts Neues. Kulturgeschichtliche Reminiszenz an die erste europäischen Münzharmonisierung.

Ende Juni 1909 hatten sechs Handelsleute geschäftlich im Maggiatal zu tun. Ein Tessiner, ein Italiener, ein Franzose, ein Österreicher, ein Serbe und ein Grieche. Es ging um Verkäufe von speziellem Marmorstein, der im oberen Maggiatal in sehr guter Qualität vorkommt. Nach Besichtigungen der Abbaustellen und Besprechungen stiegen sie in einem kleinen Restaurant im Piano di Peccia ab für ein Mittagessen. Sie müssen dort ausgiebig gegessen und gezecht haben, denn so gegen Ende Nachmittag präsentierte ihnen die Wirtin die damals unüblich hohe Rechnung: 18 Franken 75 Rappen.

Daraufhin spielte sich in etwa die folgende Szene ab:

Der Tessiner Geschäftsmann legte ein 20Franken-Goldvreneli auf den Tisch und sagte: „Das übernehme ich natürlich“. Der Italiener protestierte, zückte ein 20-Lire-Goldstück aus seinem Portemonnaie und meinte: „Nein, diesmal bin ich dran“. Der Serbe hielt ein 20-Dinar-Goldstück in der Hand und schaute fragend in die Runde. Schliesslich zahlte dann nach längerer Diskussion der Franzose mit französischen Francs.

So oder ähnlich mag es 1909 in einem unserer einheimischen Restaurants zugegangen sein, wie mir meine Tessiner Grossmutter (1896 – 1980) berichtete, denn sie half damals als Wirtshaustochter im Piano di Peccia beim Service aus. Es seien damals Münzen aus halb Europa als gleichwertige Währungen (im Verhältnis 1:1) verwendet worden. So fanden sich in der Restaurantkasse mit grösster Selbstverständlichkeit Schweizer Franken, französische Francs, italienische Lire, griechische Drachmen, serbische Dinars etc.etc.

Diese erstaunliche Münzenvielfalt ging zurück auf die so genannte Lateinische Münzunion. Das war eine Währungsunion zwischen Frankreich, Belgien, Italien und der Schweiz, der später auch Spanien, Griechenland, Rumänien, Österreich-Ungarn, Bulgarien, Serbien, Montenegro und sogar Venezuela beitraten. Sie bestand ab 1865 und dauerte theoretisch bis 1926 (de facto allerdings nur bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1914). Die Münzen der verschiedenen Währungen in den Einheiten von 100 Franken bis 0.20 Franken waren nach Gewicht, Durchmesser und Metallgehalt strikt standardisiert (Goldmünzen 900/1000 fein, Silbermünzen 835/1000).

Somit war die Einführung der europäischen Einheitswährung, des Euro, im Jahre 2002 alles andere als etwas revolutionär Neues. Das hatte man 137 Jahre früher auch schon mal ausprobiert, aber das Projekt ist dann zu Beginn des Ersten Weltkrieges kläglich gescheitert. Nun ja, die Lateinische Münzunion überdauerte immerhin de facto 49 Jahre. Ich würde jede Wette abschliessen, dass es der nunmehr 15jährige Euro bei weitem nicht so lange schafft.

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