„Ticino = Italia light“

Set 10 • Deutsche Seite, Prima Pagina • 86 Visite • Commenti disabilitati su „Ticino = Italia light“

Rolando Burkhard

In der Deutschschweiz zirkuliert derzeit – etwas häufiger als sonst üblich – das Motto „Ticino = Italia light“. Vielleicht induziert durch den angemeldeten Tessiner Anspruch auf einen Bundesratssitz. Was ist davon zu halten ? Soll Cassis gewählt werden ?

Das Motto „Ticino = Italia light“ ist uralt und widersprüchlich

Uralt ohnehin. Zudem widersprüchlich, denn es kann zweierlei bedeuten:

Erstens, dass man das Tessin nur als „unsere Sonnenstube“, d.h. als so eine Art vorgelagertes Stück Italien betrachtet, wo man touristisch quasi Italien erleben kann, aber doch noch irgendwie zuhause ist; wo man sicher ist und in Schweizer Franken bezahlen kann. Ein Stück „Bella Italia“ zu Schweizer Qualität. Ticino = sympathisch = fast so schön wie Italien.

Oder zweitens, dass das Tessin als „Schweizer Kanton“ zwar schon als zum Land gehörig betrachtet wird, aber irgendwie etwas abgelegen erscheint, eben schon „ennetbirgisch“, etwas allzu italienisch im Sinne von Italien-orientiert. Ein Stück entfernte und fremde Schweiz „à l’italienne“. Ticino = problematisch = fast so schlimm wie Italien.

Problematische Interpretation

Die ersterwähnte Interpretation des Mottos (unsere „Sonnenstube“) ist zwar sympathisch, aber clichébehaftet. Denn sie reduziert die Liebe zu unserem Kanton auf sein touristisches Angebot. Liebe zum Tessin wegen Sonne, Zoccoli, Boccalini, Polenta, Risotto und ein paar schönen, näher als Italien gelegenen Landschaften ? Der Tessiner Jubel über 10 Tage lang überbuchte Hotelübernachtungen während des Filmfestivals von Locarno alleine kann’s doch nicht gewesen sein.

Die zweitgenannte Interpretation des Mottos (zwar „Schweizer Kanton“, aber…) ist weitaus problematischer. Denn den Tessinern als „ennetbirgischen“ Schweizern traut man nicht so recht über den Weg. Dabei hat kein anderer Kanton seit dessen Gründung („Liberi e Svizzeri“) politisch seine Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft und ihren Grundwerten deutlicher manifestiert als das Tessin (man schaue sich nur die jüngsten EUkritischen Abstimmungsergebnisse an). Nicht nur wir von der SVP erwarten seit Jahren vom Bund mehr Verständnis, dass er sich endlich bewusst werde, dass die Lage des Südkantons wirtschaftlich und politisch weitaus problematischer ist als anderswo; das Tessiner Volk hat’s mehrfach getan.

Zu den Bundesratswahlen

So wie es derzeit aussieht, dürfte diesmal eine Tessiner Kandidatur für einen Bundesratssitz bessere Chancen haben als bisher. Die Tessiner FDP, die diesmal am Zuge ist, hat einen Kandidaten angemeldet. Ob er (Cassis) schliesslich gewählt werden wird, steht in den Sternen geschrieben. Die Interpretation des Mottos „Ticino = Italia light“ dürfte dabei eine entscheidende Rolle spielen. Dies auch dann, wenn es (leider) eine Parlaments- und nicht eine Volkswahl ist.

Soll man für Cassis stimmen, weil er ein sympathischer „Sonnenstübler“ und das Tessin zeitlich längst am Zuge ist ? Soll man gegen Cassis stimmen, weil man dem Tessin misstraut und er keine Frau, zudem KK-Interessenvertreter ist und bis vor kurzem noch schweizerisch-italienischer Doppelbürger war ? Was soll’s ?

Eigentlich richtig wäre es, einen Tessiner Bundesrat zu wählen, der die berechtigten politischen und wirtschaftlichen Interessen des Kantons beim Bund besser vertritt und der ohne wenn und aber für die Unabhängigkeit und Selbstbestimmung des ganzen Landes einsteht. Ob ein Cassis diesen gesamtschweizerischen und nicht nur Tessiner Anforderungen genügt, weiss niemand so genau. Ich bin eher skeptisch.

Nun ja: Wenn Cassis als Bundesrat gewählt werden sollte, werde ich ohne übertriebene Begeisterung brav mitapplaudieren, weil es endlich wieder ein Tessiner ist. Sollte er nicht gewählt werden, würde mir das keine schlaflosen Nächte bereiten.

 

Comments are closed.

« »