In zwanzig Jahren ist unsere Krankenversicherung unbezahlbar

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Dossier KVG

Heinz Brand, Nationalrat & Präsident SVP Graubünden, Präsident SantéSuisse

Im Tessin beträgt der durchschnittliche Aufschlag fürs Jahr 2019 bei der Standardprämie für Erwachsene 3.6%. Die jungen Erwachsenen profitieren von einer politisch gewollten Ermässigung. Das gesamtschweizerisch leicht gebremste Kostenwachstum ist aber nur ein Zwischenhoch. Ohne wirksame und rasche Eingriffe ist die Krankenversicherung in zwanzig Jahren für die Mittelstandsfamilien nicht mehr bezahlbar.

Wenn es so weitergeht wie seit der Einführung des Krankenversicherungsgesetzes (KVG) werden sich die Kosten der Krankenversicherung innerhalb der nächsten 20 Jahre wiederum verdoppeln. Wird das seit 1998 beobachtete durchschnittliche jährliche Wachstum fortgeschrieben, wird die Standardprämie im Kanton Tessin bis 2038 auf rund 1000 Franken anwachsen. Nur rasche und griffige Gegenmassnahmen könnten dies noch verhindern.

Zwanzigjährige Diskussion ohne Wirkung

Bereits bei der Einführung des KVG war die Kosteneindämmung eines der drei Hauptziele. Passiert ist aber nichts, was die Spirale hätte stoppen können: Im langjährigen Durchschnitt wachsen die Kosten um gut 4%, was eine Verdoppelung in weniger als 20 Jahren bedeutet. Dennoch wurde in den letzten Jahren keine einzige Massnahme umgesetzt, welche Abhilfe schafft. Jede Veränderung, die Erfolg verspricht, wird vornehmlich von den Ärzten oder Kantonen abgeblockt. Dies mit dem Resultat, dass die Ärzte weiterhin auf Teufel komm raus behandeln, um den eigenen Umsatz zu steigern. Die Kantone wiederum bauen die Spitäler aus, ohne sich zu koordinieren und bei den Patienten landen zu viele Bagatellen im Spitalnotfall statt beim Apotheker oder Hausarzt.

Überkapazitäten und Überarztung

Die Vergleichsdaten moderner Länder belegen, dass die Schweiz bei sämtlichen Ärztekategorien insgesamt eine Überversorgung mit Ärzten hat. Diese Überversorgung akzentuiert sich vor allem in den Zentren, aber gerade auch im «Sonnenkanton» Tessin. Sowohl bei den Grundversorgern wie bei den Spezialärzten verfügt das Tessin über eine im Vergleich zur Schweiz überdurchschnittliche Dichte. Die Überkapazitäten führen direkt zu überflüssigen Leistungen, weil es die Ärzte und die Spitäler sind, die bestimmen, wie viel Medizin ein Patient bekommen soll. Ist ein Arzt oder Spital unausgelastet, werden die Patienten einfach häufiger einbestellt oder sogar häufiger operiert. Und immer verdienen Arzt und Spital an den überflüssigen Massnahmen mit, während die Patienten das physische und psychische Risiko tragen, das mit jedem Eingriff verbunden ist.

Pro Person sind im Tessin die Kosten der frei praktizierenden Ärzte im letzten Jahr mit 3,4% denn auch stärker gewachsen als im schweizerischen Durchschnitt (CH +3,0%). Die ambulanten Spitalleistungen sind gar um 6.9% gewachsen (CH: +4,1%).

Bundesrat und Experten gehen davon aus, dass 20 Prozent aller medizinischen Leistungen überflüssig bzw. der Ineffizienz unseres Gesundheitssystems geschuldet sind. In den USA, dem teuersten Gesundheitswesen der Welt, hat eine neue Studie unter Ärzten das Problem der überflüssigen Leistungen eindrücklich bestätigt. Die Schweiz, die über das zweitteuerste Gesundheitswesen verfügt, ist leider am gleichen Spittel krank.

Viele offene Fragen zur Qualität

Man könnte jetzt einwenden, dass wir für die weltweit höchsten Kosten, die wir für unsere Gesundheitsversorgung bezahlen müssen, auch «weltmeisterliche Qualität» erhalten. Leider ist auch dies überhaupt nicht sicher: Wir sind mit einer eigentlichen Blackbox konfrontiert: In den meisten Fällen wird die Qualität gar nicht standardmässig gemessen und schon gar nicht ausgewiesen. Kaum einmal hat der Patient zum Voraus die notwendige Transparenz, um zu entscheiden, ob ein Eingriff in einem bestimmten Spital oder bei einem bestimmten Arzt überhaupt sinnvoll ist und ein optimales Resultat verspricht.

Zu tiefe Mindestfallzahlen

Wissenschaftliche Studien lassen gar befürchten, dass aufgrund der mangelnden Routine, messbar an Mindestfallzahlen, an vielen Standorten in der Schweiz häufige Eingriffe mit überhöhten Risiken für die Gesundheit einhergehen. Gemäss einer Studie der Technischen Universität Berlin sind zu geringe Mindestfallzahlen bei diversen komplexeren Operationen – insbesondere im Krebsbereich, aber auch bei Hüftgelenken – mit überhöhten Sterberaten verbunden. Im Dezember letzten Jahres stellte die renommierte Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) eine weitere Studie vor, die aufzeigte, dass in Spitälern mit mehr als 20‘000 Notfällen pro Jahr die Überlebenswahrscheinlichkeit der Patienten um 30 – 50% steigt.

Das Fazit für die Schweiz: Es braucht viel mehr Kooperationen unter den Spitälern und zwischen den Kantonen, damit die bestmögliche Qualität zu bezahlbaren Kosten resultiert. Das heisst übrigens nicht, dass es weniger Spitäler braucht, aber eben mehr Spitäler die genau das tun, was auf sie zugeschnitten ist und das unterlassen, was andere qualitativ besser und erst noch effizienter tun können.

Stossende Forderungen der Ärzteschaft

Anerkanntermassen ist unser Gesundheitssystem in hohem Grade ineffizient. Infolge der übermässigen Kostenentwicklung sind die Prämien für einen Grossteil der Bevölkerung über kurz oder lang nicht mehr bezahlbar; im Tessin sind sie schon heute besonders hoch. Und obwohl wir schon heute die zweithöchsten Krankheitskosten weltweit berappen müssen, besteht keine Gewähr, bei den medizinischen Eingriffen die optimale Qualität zu erhalten. Es fehlt schlichtweg an der Transparenz bei den medizinischen Leistungen von Ärzten und Spitälern. Und als wäre alles im grünen Bereich verlangt die Ärzteschaft regelmässig noch mehr Geld. Das ist inakzeptabel – genauso wie jeder sonstige Kostenanstieg in der Krankenversicherung.

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