Ich bin ein Grieche

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Urs von der Crone Präsident ds-SVP Tessin

Urs von der Crone
Präsident ds-SVP Tessin

Wir haben oft das Bedürfnis, uns mit Menschen solidarisch zu erklären, die das Opfer einer verfehlten Politik, eines Anschlages oder einfach der momentanen Umstände geworden sind. John F. Kennedy hat im Jahre 1963 nach der Teilung Deutschlands und nach dem Mauerbau in einer Rede vor der Bevölkerung Berlins den berühmten Satz ausgesprochen: „Ich bin ein Berliner“. In den vergangenen Wochen ist der Slogan „Ich bin Charlie“ um die ganze Welt gegangen und brachte damit das Entsetzen über den Anschlag auf Redaktoren und Zeichner des Pariser Satiremagazins zum Ausdruck. Nach den Wahlen ins griechische Parlament drängt sich mir der Satz auf: „Ich bin ein Grieche“. Es geht dabei überhaupt nicht darum, dass mir die Partei, die die meisten Stimmen gemacht hat, sympathisch wäre. Ebenso wenig kann ich auf eine Verbesserung der Situation Griechenlands hoffen, wenn zwei Parteien, die im entgegengesetzten politischen Lager zu Hause sind, miteinander die neue Regierung bilden.

Bei den Wahlen in Griechenland sind alle Parteien, die in den vergangenen Jahren das öffentliche Leben mit geprägt haben, abgestraft worden. Das Ergebnis deute ich als reine Verzweiflung einer notleidenden Bevölkerung. Eine Unzufriedenheit im ganzen Land drückt sich darin aus, dass man das politische Schicksal weitgehend unbekannten und unerfahrenen Gruppierungen in die Hand gibt. Eine nicht geringe Schuld daran hat die Europäische Union, die seit Jahren schulmeisterlich den Griechen vorschreibt, was sie zu tun und zu lassen haben und damit nichts anderes als eine gewaltige Verarmung der breiten Bevölkerung bewirkt hat. Es ist zwar allgemein bekannt, dass in Griechenland Korruption, Nepotismus, Gefälligkeitsdenken tief verwurzelt sind. Die Griechen kennen diese Probleme wohl selbst am besten. Aber entscheidend ist, wer hier den Finger auf den wunden Punkt legt. Der Wille zu einer Reform, die für alle Beteiligten sehr schmerzvoll sein wird, muss aus den eigenen Reihen kommen und im eigenen Land wachsen.

Seit längerem versucht die EU mit Zuckerbrot und Peitsche Reformen in Griechenland zu erzwingen. Veränderungen in demokratischen Staaten sind chancenlos, wenn sie von oben herab verordnet werden. Demokratie ist eine Bewegung von unten nach oben. Und genau damit haben die zentralistisch denkenden Politiker und die Bürokraten von Brüssel ihre Probleme. Gewählte Politiker sollen ausführen, was die der Souverän, und das ist auch in Griechenland das Volk, beschlossen hat. Vielleicht ist heute der Moment, sich wieder einmal in Erinnerung zu rufen, dass es die Griechen waren, die vor mehr als 2000 Jahren die Demokratie erfunden haben und dass sich eine der grossen Hochkulturen der Antike auf griechischem Boden entfalten konnte. Wenn die Länder Europas heute kulturelle Gemeinsamkeiten aufweisen, so gehen diese zu einem guten Teil auf das Denken, die Mythen, die Architektur und andere herausragende Leistungen der alten Griechen zurück.

Bereits im alten Rom hat man gewusst, dass die Stärke der Griechen nicht in der zweckmässigen Verwaltung des eigenen Landes lag. Die Griechen waren immer hervorragende Theoretiker und Denker, praktische Politik lag ihnen zu keiner Zeit. Die folgenden Sätze hat im 1. Jahrhundert der berühmte Römer Plinius der Jüngere – er war, um es mit einem modernen Begriff auszudrücken, ein  Politberater –  einem Statthalter mitgegeben, der im Auftrage des römischen Reiches nach Griechenland reiste um die dortigen politischen Verhältnisse zu ordnen. Die Worte könnten ohne grosse Änderungen im Jahre 2015 der Troika aus Brüssel bei ihrem nächsten Besuch in Griechenland mit auf den Weg gegeben werden: „Denk daran, du wirst nach Athen geschickt, in das wahre, unverfälschte Griechenland, wo, wie es heisst, Bildung und Wissenschaft erfunden worden sind. Du wirst geschickt um Ordnung in die Verfassung eines freien Landes zu bringen. Hab Ehrfurcht vor dem alten Ruhm dieses Volkes. Den Athenern den letzten Schatten einstiger Grösse, den Rest der Freiheit zu rauben, wäre hart, grausam und barbarisch.“

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