Hermann Hesse: Weihnachten vor 100 Jahren

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Nicht nur für Hermann Hesse waren im Dezember 1917 die Aussichten eher düster

Urs von der Crone
Präsident ds-SVP Tessin

Der Schriftsteller, Nobelpreisträger und Wahltessiner Hermann Hesse (mehr als 40 Jahre lebte er in Montagnola bei Lugano) hat sich im Dezember 1917 sehr kritisch geäussert zur Art, wie wir in unseren Familien Weihnachten feiern. Das ist auch nicht erstaunlich, sind wir doch im vierten Jahr des ersten Weltkriegs. Den Kriegsgefangenen in unseren Nachbarländern schickte man damals Kisten und Pakete mit Geschenken, die ganz sentimental mit Tannenzweigen verpackt waren. Mancher Kriegsgefangene, meint Hesse, würde wohl in seiner traurigen Situation sehr gerne das hübsche Weihnachtsgeschenk dem Spender ins Gesicht schmeissen und die Tannenzweige mit Füssen treten. Schenken unter diesen Umständen ist etwas Unehrliches und Scheinheiliges. Das Fest werde ausserdem von Unternehmen für Werbezwecke missbraucht, meint der Schriftsteller. Hesse hat aber auch ein ungutes Gefühl, weil er zu Hause eigentlich nur wegen seiner Kinder, die er nicht um ihre Freude bringen will, das Fest feiert. Es sei reine Sentimentalität, einen Abend lang beim Christbaum mit den Kindern nett zu sein, sie im Übrigen aber auf eine Realität hin zu erziehen, wie sie sich niemand wünsche.

Diese traurige Realität im Jahr 2017 geht nicht nur auf die Kriegsereignisse zurück. Hesse nennt noch ganz andere Fakten beim Namen, so wie er sie in der Schweiz erlebte (er wohnte damals noch in Bern): Die Kindersterblichkeit, die Wohnungsnot und den für die arbeitende Bevölkerung üblichen Vierzehnstundentag. An Weihnachten wird diese Realität ausgeblendet und man gibt sich «den wehmütigen Kindererinnerungen hin und schwelgt in zahmen, wohlfeil-frommen Gefühlen.» Hesse ist kein Revolutionär, er gehört nicht zu denjenigen, die einen Schuldigen für die Missstände der damaligen Zeit suchen und diesen für alles verantwortlich machen. Wenn etwas falsch läuft, so sei niemand anderes als wir selber schuld. Es gebe zwar tausend Formen von religiösen Lehren aber nur ein Glück. «Die Stimme Gottes kommt nicht vom Sinai und nicht aus der Bibel, das Wesen der Liebe, der Schönheit, der Heiligkeit liegt nicht im Christentum, nicht in der Antike, nicht bei Goethe, nicht bei Tolstoi – es liegt in Dir, in dir und in mir, in jedem von uns.» Was nun? Soll man Weihnachten abschaffen und stattdessen meditierend den Weg zu sich selbst suchen? Ganz und gar nicht, sagt Hesse: «Zündet euren Kindern die Weihnachtsbäume an! Lasst sie Weihnachtslieder singen! Aber betrügt euch selber nicht, seid nicht immer und immer wieder zufrieden mit diesem ärmlichen, sentimentalen, schäbigen Gefühl, mit dem ihr eure Feste alle feiert! Verlangt mehr von euch! Denn auch die Liebe und Freude, das geheimnisvolle Ding, das wir «Glück» nennen, ist nicht da und nicht dort, sondern nur in uns drin».

 

 

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