Ein Marxist im Maggiatal?

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Urs von der Crone
Präsident ds-SVP Tessin

Er ist nach wie vor wohl einer der meistgelesenen Tessiner Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Sein Roman «Il fondo del sacco» aus dem Jahre 1970 ist ins Französische übersetzt worden und für deutsch-sprachige Leser unter dem Titel «Nicht Anfang und nicht Ende» erschienen. Zahlreiche weitere Erzählungen sind zu seinen Lebzeiten oder nach seinem Tod herausgekommen. Im vergangenen Jahr hat sein ältester Sohn die Tagebücher und Briefe des Vaters bei Armando Dadò herausgegeben. Wir sprechen vom Schriftsteller und Lehrer Plinio Martini (1923–1979). Für mich ist Martini eine unerschöpfliche Fundgrube: Er hat genau in der Generation gelebt, die den rasanten Übergang vom alten landwirtschaftlich geprägten Tessin zum modernen Kanton mit all seinen Vor- und Nachteilen miterlebt hat. Er selber hat im Bavonatal noch die Transhumanz mitgemacht, d.h. ist mit den Tieren vom Talboden im Frühling Richtung Maiensässe gezogen um dann im Laufe des Sommers die Alpen zu erreichen. Die Schilderung darüber bei ihm tönt aber alles andere als einladend: «Die ganze schöne Jahreszeit lang gab es im Val Bavona eine ständige Plackerei, den Saumpfad entlang und die steilen Fusswege hinauf, vom Dorf auf die Wiesen, von den Wiesen auf die Alpweiden, von einer Alp auf die andere, von einer unbequemen Hütte zur nächsten, die noch schlimmer war, einen Steig um den anderen, bis zu den höchsten Matten hinauf, wo die Kühe mehr Flechten als Gras wiederkäuten und der Mensch sich zum Heulen einsam fühlen kann.» Heute als Wanderer finden wir diese Alpen prächtig, geniessen die Aussicht und die einmalige Berglandschaft. Nicht so Plinio Martini: «Dass es hier schön ist, das haben uns erst die Fremden gesagt. Wir sind von der schönen Aussicht nicht satt geworden».

Der Tatsache, dass in der Mitte des 20. Jahrhunderts der Bau von Stauseen und Kraftwerken etwas Verdienst und vor allem breitere, gute Strassen in die Täler brachte, sah Martini gar nicht positiv: «Die Regierung hat uns bestohlen, als sie unser ganzes Wasser dem Schweizer Grosskapital verkaufte und uns die nackten Flussbetten übrigliess, ohne danach zu fragen, ob das Tal Nutzen von dem Handel hätte». Schwebte Martini eine Revolution der Tessiner Landbevölkerung vor? In seinen Werken thematisiert er diese Frage ansatzweise. Armando Dadò erwähnt in der neuesten Ausgabe der «Rivista», dass es wohl der Lehrer und Publizist Virgilio Gilardoni war, der Martini mindestens für einige Zeit von marxistischen Ideen überzeugen konnte. War Plinio Martini nicht etwas allzu pessimistisch? Hat er nur die negativen Seiten des Lebens in unseren Tälern gesehen? Warum sieht er in der Auswanderung nur das Schicksal derjenigen die scheiterten? «Wir sind von jeher ausgewandert. Wir sind dazu geboren, uns auf italienischen Landstrassen ausrauben zu lassen, in schlechten Kleidern nach Paris zu kommen, in Holland an der Schwindsucht zu verfaulen und in Deutschland vor Herzeleid zugrunde zugehen. In Australien und Kalifornien vagabundieren wir ziellos durch die endlose Prärie, ohne eine Frau und einen Kirchturm, von aller Welt verlassen, verloren und verwaist.» Warum schreibt er nie von den anderen Schicksalen, die es eben auch gegeben hat, von den Auswanderern, die es durch ihre Tüchtigkeit im Ausland recht weit gebracht haben und die im Alter mit dem nötigen Kleingeld ins heimatliche Tal zurückgekehrt sind? Man braucht heute nur durch die Dörfer im Maggiatal zu spazieren: Überall fallen etwas ausserhalb des alten Ortskerns die besseren und stattlicheren Häuser auf, die sich die heimgekehrten Auswanderer errichtet haben. – Es lohnt sich, Martini wieder zu lesen, vielleicht entdecken wir bei der Lektüre, warum der Lehrer aus Cavergno ein so düsteres Szenario darstellt und dass seine marxistische Sichtweise nur einen seiner Lebensabschnitte geprägt hat.

 

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