Ein Lob der Langsamkeit

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Urs von der Crone
Präsident ds-SVP Tessin

Bei unseren südlichen Nachbarn ist 2019 zum «Anno del turismo lento» erklärt worden. Das lässt sich übersetzen mit «sanftem Tourismus» oder mit «langsamem Tourismus».  Spötter werden einwenden, dass ja in Italien ohnehin alles ein bisschen langsamer vor sich geht und es eigentlich gar nicht nötig wäre, die Langsamkeit und die Verspätungen hervorzuheben. Das erklärte Ziel ist natürlich ein anderes und besteht darin, die grossen Touristenströme von den Hauptrouten umzulenken auf andere weniger ausgetretene Pfade: Das Reisen soll entschleunigt werden. Nicht nur die Städte sollen besucht werden, sondern auch weniger bekannte, ländliche Gebiete, die nicht weniger reizvoll sind und die zu entdecken es sich lohnt. Empfohlen wird den Reisenden, weniger Kilometer zurückzulegen, länger zu verweilen, andere Verkehrsmittel auszuprobieren und wieder etwas mehr zu verweilen und zu geniessen.

Ob das Prinzip der Langsamkeit auch in der Politik funktioniert? Wir Schweizer stehen ja im Ruf, dass bei unserer Politik alles ein bisschen langsamer vor sich geht: Es dauerte länger, bis die Frauen bei uns das Stimmrecht bekamen. Entscheidungen, die dank der direkten Demokratie dem Volk unterbreitet werden müssen, brauchen ihre Zeit. Würden wir in unserem Land schneller entscheiden, wären wir wohl schon längst in der EU: Wir verdanken es nicht zuletzt unserer Langsamkeit, dass wir einen solchen Fehlentscheid nicht getroffen haben. Und wenn wir mit dem Rahmenvertrag, der scheinbar wie ein Damoklesschwert über uns hängt, lange genug zuwarten, braucht es ihn vielleicht gar nicht mehr. Mit dem Motto von Goethe «Wer sichere Schritte tun will, muss sie langsam tun.» oder demjenigen von Descartes «Diejenigen, die nur ganz langsam gehen, aber immer den rechten Weg verfolgen, können viel weiter kommen als die, welche laufen und auf Abwege geraten.» sind wir offenbar nicht schlecht unterwegs.

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