Dossier KVG – Das Problem der Krankenversicherungsprämien

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Dr. Alessandro von Wyttenbach
Ehrenpräsident SVP Tessin

Die Gesundheitskosten

Die Gesundheitskosten und insbesondere die hohen Krankenkassenprämien bereiten den Bürgern und Politikern seit Jahren Sorgen. Um das Problem rational anzugehen, müssen wir uns an die Fakten halten und nicht an Parolen. Das Basisproblem der steigenden Kosten ist auf zwei grundsätzliche Faktoren zurückzuführen: Den Fortschritt der Medizin und die Zunahme der Nachfrage nach medizinischen Leistungen. Den grössten Kostenanteil machen die Gehälter aus, das ist ein schwierig zu rationalisierender Faktor. Beträchtlich gestiegen sind in letzter Zeit, infolge des technologischen Fortschritts, auch die Kosten für technische Geräte (Chirurgieroboter, Diagnostikgeräte wie Endoskopieapparate, jene für Magnetresonanzuntersuchungen, Computertomographie, Ultraschall), deren rasche technische Weiterentwicklung ihre Amortisationszeiten verkürzt. Nicht zuletzt sind auch die Ansprüche der Versicherten gestiegen. Aber auch andere Faktoren müssen kritisch untersucht werden. Hinsichtlich der Überalterung der Bevölkerung muss man wissen, dass die Kosten für die Alterspflege besonders hoch sind, insbesondere für die letzten drei Lebensjahre, dies unabhängig vom Lebensalter. Beunruhigen tut aber vor allem der zunehmende Bedarf der Pflegebedürftigen wie die Dementen. Ein weiterer Faktor: Die verbreitete Illusion der Öffentlichkeit, man könne mittels Prävention die Kosten senken. Deren Möglichkeiten sind bescheiden und beschränken sich punkto Nützlichkeit auf wenige belegbare Fälle. Ein weiterer Faktor für die Erhöhung der Prämien ist die bessere Information der Bürger. Nicht zu unterschätzen ist denn auch die Tendenz, vermehrt rechtlich gegen Ärzte vorzugehen wegen vermeintlichen Kunstfehlern, was letztere dazu zwingt, sich mittels nicht immer nützlichen und nötigen Untersuchungen abzusichern.

Krankenkassenprämien und Ärztesaläre

Es ist an der Zeit, dem Märchen zu widersprechen, dass die hohen Gehälter der Ärzte den Hauptgrund für die hohen Krankenkassenprämien bilden. Man muss wissen, dass lediglich einer von zehn Franken der KK-Prämien den Ärzten zugute kommt. Das ist eine schändliche Demagogie von Bundesrat Berset, wenn er – um Reduktionen der Ärztetarife zu rechtfertigen – den Ärzten millionenschwere Einkommen vorwirft. Diese sehr hohen Einkommen resultieren alleine aus spitalärztlichen Leistungen für Privatpatienten und nicht für Allgemeinversicherte. Im Jahre 2016 betrug die Zahl dieser „Millionärsärzte“ gerade mal 140, das waren 0,3 % der 36’175 in der Schweiz praktizierenden Ärzte. Das mittlere Bruttoeinkommen der beruflich freitätigen Ärzte beträgt rund 200’000 Franken pro Jahr, das entspricht jenem von Angestellten mit entsprechenden Qualifikationen von rund 140-160’000 Franken.

Der Nutzen der Gesundheitskosten

Bei der Diskussion über die Gesundheitskosten vergisst man deren Nutzen. Die hohe Qualität unserer Medizinalversorgung garantiert eine rasche Genesung im Falle von Krankheit oder Unfall, womit die Arbeitsunfähigkeit auf ein Minimum reduziert wird, was der Wirtschaft nützt. Auch sollte man nicht vergessen, dass der Gesundheitssektor rund 10 % des BSP ausmacht.

Der Ursprung der Krankenversicherungskosten

Die Einführung des Obligatoriums der Krankenversicherung war ein fataler und unnötiger politischer Fehler, da auch ohne dieses bereits 97 % der Bevölkerung bereits versichert war. Niemand dachte damals daran, dass diese Gesetzesänderung die Haltung der Patienten und der medizinischen Leistungserbringern derart verändern würde.

Die Folgen dieses Fehlers

Das neue KVG verwandelte die Krankenversicherung in einen Selbstbedienungsladen für sämtlich mögliche und vorstellbare medizinischen Leistungen, mit konsequenter Zunahme der Prämienkosten. Daraus erwuchs die Konsummentalität des „wenn ich schon so viel dafür bezahle, will ich davon auch profitieren“. Was die behaupteten Exzesse punkto medizinischer Infrastrukturen betrifft, muss man sich vergegenwärtigen, dass unsere Bürger in keiner Weise bereit sind, mehr als einige wenige Tage auf die Leistungen zu warten; und um diesen Ansprüchen zu genügen, bedarf es eines ausreichenden Angebots: In Italien und in Grossbritannien sind die Patienten bereit, Wochen oder gar Monate zu warten für eine einfache Spezialuntersuchung oder eine Echographie, in der Schweiz wäre dies undenkbar.

Die Reform des KMG ist unaufschiebbar

Angesichts des Fortschritts in der Medizin, bedarf das in die Jahre gekommene KVG dringendst einer Totalreform. Man muss einen politisch praktikablen Weg finden, um die Anreize für den Medizinalkonsum zu reduzieren, indem man in moderierter Form sowohl die Versicherten als auch die Ärzte zur Verantwortung ruft, indem man – analog dem Pensionskassensystem – eine Krankenversicherung schafft, die auf drei Säulen basiert.

Erste Säule: Die Grundversicherung

Die erste obligatorische Säule soll nur die Leistungen für lebensbedrohliche Krankheiten umfassen (Tumore, Herz-/Kreislauf-Erkrankungen, chronische Infektionen), die chronisch zur Invalidität führenden Erkrankungen mit Risiko von Autoinsuffizienz wie Diabetes, Polyarthritis, Nierenversagen mit Dyalise, Bluthochdruck; d.h. all jene Fälle, in welchen eine medizinische Behandlung ethisch unverzichtbar sind.

Zweite Säule: Allgemeine Zusatzversicherung

Dabei geht es um eine allgemeine Zusatzversicherung, die von den Krankenversicherern ohne Vorbehalte allen Versicherten angeboten würde. Diese müsste sämtliche Leistungen umfassen, die nicht im Katalog der ersten Säule enthalten sind. Alle Versicherten sollten – idealerweise nach Konsultation ihres Hausarztes – den Versicherungsschutz für alle von ihnen gewünschten medizinischen Leistungen erhalten, mit von ihnen festzulegenden Franchisebeträgen. Das würde es jedem Versicherten erlauben, jene Leistungen auszuwählen, die er auch zu bezahlen bereit ist. So wie der Autofahrer bereit ist, ohne Vollkasko-Versicherung die Reparatur seines Wagens selbst zu bezahlen, könnte jeder Krankenversicherte die Risiken kleinerer Gesundheitsprobleme (eine Grippe, ein kleiner ambulanter chirurgischer Eingriff, eine Bronchitis, ein Fall von grauem Star) selbst übernehmen.

Die Vorteile der zweiten Säule

Diese Versicherungsform würde es den Bürgern erlauben, ihre eigenen Wünsche zu äussern und ihren Versicherungsschutz auf medizinische Leistungen zu beschränken, die sie für nützlich halten. Sie könnten auch auf mögliche Leistungsexzesse verzichten, so wie etwa auf superteure chemotherapeutische Behandlungen ohne Hoffnung auf Erhöhung der Lebensqualität im Falle unheilbarer Tumoren, oder auf lebensverlängernde Massnahmen im Falle von Demenz etc. Die Möglichkeit, den Leistungskatalog und damit auch die Prämien selber bestimmen zu können, würde die Polemik über die hohen Krankenkassenprämien entschärfen. Diese Wahlfreiheit würde es auch erleichtern, die wirklichen Bedürfnisse der Bevölkerung in Erfahrung zu bringen und das Leistungsangebot danach auszurichten.

Auch die Ärzte würden dazu neigen, die nicht unbedingt nötigen Leistungen zu reduzieren, wenn deren Kosten von der KK der Patienten nicht übernommen werden. Diese zweite Säule würde den Weg öffnen für eine effektive Konkurrenz zwischen den Krankenversicherern. Gegen das Risiko einer Medizin „à deux vitesses“ wäre es einfach, auf politischem Weg Leistungspakete der zweiten Säule vorzusehen, die für die Minderbemittelten subventioniert würden, wenn man diese Leistungen für sozial wünschbar oder für ein nötiges, über die Grundversicherung hinaus gehendes Element hält.

Dritte Säule, eine fakultative Zusatzversicherung

Diese Säule würde der Abdeckung sämtlicher anderen möglichen und vorstellbaren medizinischen Leistungen dienen.

Schlussfolgerungen

Die Fortschritte in der Medizin ermöglichen ständig mehr hoch entwickelte und gute Heilmethoden mit entsprechender Zunahme der Gesundheitskosten. Die Kosten der Krankenversicherung kann man nur dann um maximal 20% reduzieren, wenn man die Nachfrage nach medizinischen Leistungen mittels eines moderaten Miteinbezugs der Versicherten in die Verantwortung und tieferen Anreizen für den Bezug von Leistungen gemäss heutigem KVG bremst. Die Taktik von Bundesrat Berset, ständig die Tarife zu senken, insbesondere zulasten der Ärzte, ist gescheitert und man riskiert damit eine Verschlechterung der medizinischen Versorgung. Das gegenwärtig in Kraft stehende Gesetz entstand mit Unterstützung der FDP in einer sozialistischen Geisteshaltung und ist längst überholt, deshalb muss es dringend überarbeitet werden.

Das Spitalsystem

Parallel zur Reform der Krankenversicherung müsste man auch die Spitalpolitik überdenken. Die Gesetzgebung muss sämtliche Arztpraxen und Institutionen der Privatärzte fördernd anregen für ambulatorische Behandlungen, bei denen man auch im Bereich der Chirurgie grosse Fortschritte gemacht hat, und die weniger teuer sind als die Spitalbehandlungen. Man muss die Rolle und Funktion der Spitalinstitute neu festlegen, die teuren Notfallstationen sollten sich nur um wirklich dringende schwere Fälle kümmern müssen. Schliesslich muss man mittels wirtschaftlich rationaler Anreize die Aufteilung der öffentlichen Subventionen für das Gesundheitswesen unterteilen in solche für ambulatorische und solche für stationäre Behandlungen und Querfinanzierungen zwischen den einzelnen Bereichen vermeiden.

Einen diesbezüglichen Vorschlag von mir habe ich der SVP Schweiz unterbreitet.

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