Die Kloake der social networks

Ott 21 • Deutsche Seite, Prima Pagina • 223 Visite • Commenti disabilitati su Die Kloake der social networks

Eros N. Mellini

Eros N. Mellini

Editorial

 

Alberto Siccardi ist ein erfolgreicher Unternehmer in unserer kleinen Tessiner Welt. Seiner Medacta International in San Pietro und Rancate ist es gelungen, einen grossen Marktanteil zu erzielen für Hüft-, Knie- und unlängst für Wirbelsäulen-Prothesen, mit Kunden und Filialen in der ganzen Welt. In wenigen Jahren hat sich seine Firma konstant entwickelt und zählt heute etwa 400 Angestellte (dazu kommen 200 Angestellte in den ausländischen Filialen), Trend zunehmend. Sie war eine Wegbereiterin für die Einführung des „car pooling“ für ihre Mitarbeitenden, und hat so auch ihren Beitrag geleistet zur Bekämpfung der vor allem im Mendrisiotto grassierenden Umweltverschmutzung. Ein besonderer sozialer Verdienst, auf den Siccardi zu Recht stolz sein darf, ist sein „asilo nido“, d.h. ein Kinderhort, in dem seine Betriebsangestellten bis zu 60 Kinder aufnehmen, seien es Kinder von Angestellten oder andere. Last but not least, zahlt die Firma alles andere als nur unbeträchtliche Steuern. Das alles macht die Medacta International zu einem wichtigen Baustein für die kantonale Wirtschaft, worauf wir alle stolz sein können. Also alles OK ? Für alle Leute mit gesundem Menschenverstand ja, aber leider sind die wenigsten von ihnen damit gesegnet. Es überwiegen die ordinärsten Vorurteile seitens von Leuten, die – vielleicht aus purem Neid auf jemanden, der es zu etwas gebracht hat, aber vor allem aus riesengrosser Dummheit heraus – das in linken Kreisen äusserst übliche Denkmuster übernommen haben: „Unternehmer = Schuft, Ausbeuter und Dieb“.

 

Welches sind denn die schändlichen Dinge, die Siccardi vorgeworfen werden seitens der Front dieser ewiggestrigen Stänkerer, die vorweg auf Facebook ausufert? Vorweg natürlich, dass in seinem Betrieb viele Grenzgänger angestellt sind, ca. 80%. Nun rechtfertigt sich der Unternehmer – abgesehen davon, dass 20% Einheimische von 400 Angestellten rund 80 Arbeitsplätze bedeuten (eine im kantonalen Vergleich immerhin beträchtliche Anzahl) – damit, dass er auf dem lokalen Arbeitsmarkt die Leute mit ausreichender Ausbildung (Präzisionsdreher, spezialisierte Ingenieure etc.) nicht findet. Das stimme nicht, behaupten die so genannten „Facebook“-Experten für Betriebswirtschaft, ohne jeglichen Beweis für ihre billigen Aussagen zu erbringen: Das qualifizierte Personal sei vorhanden, aber man wolle es nicht angemessen bezahlen. Einer von ihnen versteift sich gar zur Aussage, dass es, wenn jemand in seinem vorgängigen Job monatlich 15’000 Franken verdient habe, richtig sei, dass er einen neuen Job für 11’000 Franken ablehne und stattdessen arbeitslos werde. Das ist eine Wahnvorstellung, die ich nur deshalb erwähne, um damit das geistige Niveau jener zu beschreiben, die meinen, in den social networks ihr kleines Erfolgserlebnis feiern zu können. Der SP-Präsident Igor Righini wettert: „Siccardi, gib die Saläre bekannt!“. Der Unternehmer tut es, aber man widerspricht ihm, man bezweifelt seine Aussagen und zeigt mit dem Finger auf den einen oder anderen Angestellten der tiefsten Salärstufe mit einem Anfangslohn von 3-3’500 Franken. Jeder Dialog wird bei einer solchen Argumentationsweise verunmöglicht. Die Linke und ihre Informatik-Anhänger haben Siccardi auf die Anklagebank gesetzt und sich unanfechtbar zu Anklägern, Richtern und möglichst auch Scharfrichtern in einem empor geschwungen.

 

Es trifft zu, dass Alberto Siccardi manchmal in der Hitze des Gefechts der eine oder andere Ausrutscher unterläuft. Das war der Fall, als er sich – als von der Schwierigkeit die Rede war, schweizerisches Personal zu finden – zur Aussage verleiten liess, „aber die verfügen ja nicht über die nötige Ausbildung“. Damit wurden die Tore zur Hölle geöffnet. Man hat ihm sogar ein Mini-Vedeo gewidmet mit der von Benny Hill für seine Komödien verwendeten Hintergrundmusik, man hat eine Facebook-Site eröffnet mit dem Titel „Genau die sind’s“, um nicht zu sprechen von der Kadenz von Äusserungen der vorerwähnten dummdreisten Informatikern, denen es darum geht zu erreichen, dass eine nicht sonderlich glückliche Ausdrucksweise dem Wahrheitsgehalt einer möglicherweise noch so richtigen Aussage jegliche Glaubwürdigkeit entzieht.

 

Nicht nur Trainer, heute auch Ökonomen, Politiker, Industrieexperten, Ärzte, Anwälte…

 

Die social networks haben eine grosse Bühne eröffnet für Diskussionen, die einst beschränkt waren aufs Wirtshausgeschwätz, dessen inhaltliches intellektuelles Niveau man zumindest entschuldigend mit dem zunehmenden Alkoholkonsum der Gesprächspartner abtun konnte. Diese Motzereien und Schmähungen fanden jedenfalls spätestens dann ein Ende, wenn die Trunkenbolde das Lokal verliessen, um zu ihren ernsthafteren täglichen Aktivitäten zurück zu finden. Es handelte sich alles in allem um harmlose Unterhaltung, und in gewisser Weise um ein nützliches Ventil zum Abbau von aufgestauter Aggressivität. Wenn es um Spiele unserer Fussball-Nationalmannschaft ging, betrachteten sich diese Leute als kompetentere Trainer als der jeweils amtierende, gaben ihre unwiderruflichen – oder bestenfalls nur von den paar wenigen am Stammtisch Anwesenden (die ja auch etwas sagen wollten) bestrittenen – Beurteilungen ab, und das war’s dann. Wenn jemand darauf zu reden kam, dass die Frau eines Schiedsrichters fremd gehe oder dass der eigene Trainer bei einer nicht sonderlich genehmen Auswechslung komisch dreingeschaut habe, zeitigte dies keinerlei Folgen, man empörte sich nicht einmal über den schlechten Geschmack von solcherlei Behauptungen.

 

Mit den social networks, insbesondere mit Facebook, hat sich der enge Personenkreis des Wirtshauses verhundert-, vertausend- oder gar verzehntausendfacht. Ebenso stark stieg der Meinungsfächer der Pseudo-Spezialisten, die irgend etwas behaupten und nicht im Traume daran denken, dies auch konkret beweisen zu müssen. Sie sind nicht mehr nur Trainer, sondern auch Ökonomen, Politiker, Experten, Industrielle, Ärzte, Anwälte, etc. geworden. Wenn man jedoch diese Profis der billigen Verleumdung auffordert,  Beweise für ihre Aussagen vorzulegen, betrachten sie dich als unbelehrbaren Ignoranten – oder noch öfter als Idioten – aber sie vermögen dir als Antwort nur ein „Aber das wissen doch alle“ vorzulegen.

 

Facebook hat sich – abgesehen von seiner auch guten und positiven Seite – nunmehr in einen Sumpf, in eine Kloake verwandelt, in welchem Anschuldigungen, Verleumdungen und Diffamierungen Eingang gefunden haben, die nahezu straflos von Personen vorgebracht werden, die oft anonym bleiben oder sich hinter einem Pseudonym verstecken. Zumeist sind es Leute, deren moralische Standards oft bedeutend niedriger sind als jene der von ihnen angegriffenen Personen.

 

Alberto Siccardi – und allen anderen, korrekt agierenden Unternehmern unseres Kantons, deren es viele gibt – kann ich nur die danteske Bemerkung Virgils (Göttliche Komödie, Hölle, Vers 51) „Kümmere dich nicht um sie, sondern betrachte und gehe weiter“ nahe legen.

Comments are closed.

« »