Die eigene Verantwortung übernehmen: Was bedeutet das denn?

Feb 24 • Deutsche Seite, Prima Pagina • 244 Visite • Commenti disabilitati su Die eigene Verantwortung übernehmen: Was bedeutet das denn?

Eros N. Mellini

Editorial

Der Fall der „permessi facili“ (der „gekauften“ Bewilligungen) erregt öffentliches Aufsehen, aber vor allem gibt es die Piste frei für Kommentare und natürlich für unmissverständliche Urteile seitens jener Leute, die immer häufiger glauben, die Plattform der „social networks“ dazu benutzen zu müssen, um unter dem Vorwand der Seriosität, der Beunruhigung, der staatsbürgerlichen Pflicht, der Empörung oder aus was auch immer für Gründe die fürchterlichsten Blödheiten zu verbreiten.

Darunter jene Leute, die von einer gerechtfertigten Empörung über die mangelnde Integrität des Staatsapparats ausgehen, jene, die beim Werfen des ersten Steins immer zuvorderst stehen möchten – das Erfordernis, als Steinewerfer selbst ohne Fehler zu sein ist ja heute nicht mehr gefragt, sondern fast ebenso obsolet geworden wie die einstigen Erfordernisse für die Erlangung des Schweizer Bürgerrechts – und jene, denen es letztlich einzig und alleine darum geht, der Lega resp. Norman Gobbi eins auszuwischen.

Ich selber habe persönlich mit Kritiken keineswegs zurückgehalten – und tue dies auch heute nicht, wenn immer ich es für angebracht halte – weder gegenüber der Lega noch dem involvierten Staatsrat. Hingegen finde ich im vorliegenden Fall die Äusserungen gewisser Politiker übertrieben, anmassend oder zumindest waghalsig; vor allem wenn man die politische Kanzel in Betracht zieht, von woher die Predigt kommt.

Natalia Ferrara attackiert die Lega: „Seit Jahrzehnten zertrümmert die Lega systematisch sämtliche Institutionen“ und – abgesehen davon, was meiner Ansicht nach die FDP-Parlamentarierin seit einigen Jahren und ihrer Wahlkampagne von 2015 selber zertrümmert – mag die Kritik berechtigt sein. Denn eines ist hinlänglich bekannt: Wenn das Niveau der politischen Debatte so tief gesunken ist, dass man persönliche Angriffe unternimmt und Behörden und Organisationen angreift, ist dies auf das Auftreten von Nano Bignascas Bewegung anfangs der 90er Jahre zurückzuführen. Es bleibt aber dann noch zu beweisen, dass man mit einer „politisch korrekteren“ Redeweise nicht schlicht und einfach Schweinereien zu verbergen versucht, worunter die Verteilung von Verwaltungsratsmandaten, die Vergebung von Staatsaufträgen, Vetterliwirtschaft etc., unter der einzigen Bedingung, dass „man das nicht öffentlich erfahre“. Aber dann verfällt diese Redeweise in persönliche Angriffe, die man exklusiv der Lega zur Last legte, und die nun Zweifel und Skepsis äussern an der Eignung von Norman Gobbi für sein Staatsratsamt. „ Mich beunruhigt ein Minister, der die Schuld auf die Staatsangehörigkeit der Beschuldigten oder an vorgängige Amtsinhaber abwälzt – sagt die Parlamentarierin in einem ihrer Artikel in LiberaTV – der Staatsrat soll gefälligst erklären, wie es dazu kommen konnte, und vor allem was er zu tun gedenkt, um die Integrität und Glaubwürdigkeit der Behörden vor Korruption zu schützen. Ein erster Schritt dazu wäre, dass er die eigene Verantwortung übernimmt, statt sie abzuladen auf Vorurteile und Passanten“.

Mir scheint, dass unser Minister mit den von der Regierung ergriffenen und an einer Pressekonferenz angekündigten Massnahmen richtigerweise in seinem Zuständigkeitsbereich die eigene Verantwortung wahrnimmt. Die Tatsache, dass er „en passant“ erwähnte, dass einige der unehrlichen Beamten von seinem Vorgänger angestellt worden waren, und dies sogar als diese noch nicht über die Schweizer Staatsangehörigkeit verfügten, kann man allenfalls als wenig elegant betrachten, aber niemand kann behaupten, dies treffe nicht zu.

Auch der neugewählte Präsident der Tessiner FDP, Bixio Caprara, sagt in einem in perfekter politischer Unverbindlichkeit verfassten Communiqué, dass „…die in den letzten fünf Jahren unverändert gebliebene Direktion des Departements der Institutionen die eigene Verantwortung zu übernehmen habe…“. In beiden Fällen weiss ich nicht was Sie darüber denken, ich jedenfalls interpretiere das von den beiden FDP-Parlamentariern erwünschte „Übernehmen der eigenen Verantwortung“ als Aufforderung an Norman Gobbi, von seinem Amt zurückzutreten.

Aber kam es denn im Falle von Ticinogate, von Asphaltopoli oder der getürkten Auflagezahlen des GdP zu mehr oder weniger bedeutenden Rücktritten? Meines Wissens nicht. Ist übrigens „das Übernehmen der eigenen Verantwortung“ vielleicht synonym mit dem „sich aus der eigenen Verantwortung stehlen“ (eine leider zur Gewohnheit gewordene Praxis gewisser Parteipräsidenten nach besonders deutlichen Wahlschlappen) ? Nein, meines Erachtens bedeutet das „Übernehmen der eigenen Verantwortung“, dass man im Krisenfall nicht einfach wegrennt, sondern verbleibt und versucht, die Situation im eigenen Zuständigkeitsbereich zu bereinigen, auch wenn man nicht notwendigerweise deren direkte Ursache ist. Und genau das tut Norman Gobbi, ungeachtet jeglicher politischen oder parteipolitischen Mätzchen wie gegenwärtig jenen von Ferrara, Caprara und der unendlichen Phalanx von Steinewerfern (selbstverständlich alle ohne jede Schuld), die sich im Internet herumtummeln.

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