„Die direkte Demokratie gehört abgeschafft !“

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Humoreske

 

Sechs Professoren, die an schweizerischen Universitäten Geschichte und Politikwissenschaften unterrichten, treffen sich zu einer Krisensitzung. Thema: Warum ist die direkte Demokratie in der Schweiz noch nicht abgeschafft ?

 

 

Prof. 1 zu Prof. 2: „Nun, wie war das Echo auf deinen jüngst publizierten hervorragenden Artikel über die Verfassungswidrigkeit der direkten Demokratie ?“

 

Prof. 2: „Recht gut. Wie immer grosse Zustimmung aus unseren eigenen Kreisen, und die Kollegen in den Gerichten stehen ohnehin schon seit langem voll und ganz zu uns. Auch die Politiker folgen uns nun mehrheitlich, SVP natürlich ausgenommen. Nur das dumme Volk hat es noch nicht begriffen. Die meinen doch tatsächlich dort unten noch, sie könnten mittels Volksentscheiden unsere Politik bestimmen“.

 

Prof. 3: „Aber die Politiker machen ihre Arbeit doch gut. Sie nehmen diese völlig unqualifizierten Volksentscheide ja seit langem überhaupt nicht ernst. Zwar müssen sie danach 1-2 Tage lang pro forma vom angeblichen Volkswillen faseln, dann aber operieren sie durchaus in unserem Sinne: Sie relativieren, verzögern und verwässern alles, oder weigern sich nun gar schlicht und einfach, den Volkswillen umzusetzen. Diesen Trend hin zum Totalboykott können wir getrost als Erfolg verbuchen“.    

 

Prof. 4: „Nun ja, alles gut und recht. Aber diese verhängnisvolle direkte Demokratie ist zwar mittlerweile der Lächerlichkeit preisgegeben, aber bei weitem noch nicht abgeschafft, wie wir das eigentlich wollen“.

 

Prof. 5: „Das braucht halt noch etwas Zeit. Das Stimmvolk wird über kurz oder lang schon merken, dass Abstimmungen nichts bringen. Und es wird dann aus reiner Bequemlichkeit gerne darauf verzichten wollen. Da wären wir unserem Ideal dann schon einen gewaltigen Schritt näher. Es müssen doch endlich unsere Eliten die Geschicke unseres Landes bestimmen, und nicht das dumme Volk.“

 

Prof. 6: „Ja schon, aber es eilt. Ich bin mir nicht sicher, wie lange die EU und die europäischen Gerichte dem frevelhaften Treiben unseres Volkes noch tatenlos zusehen werden. Sie werden uns international noch mehr rügen. Bald werden auch unsere nach Brüssel und Strassburg zitierten Politiker und Richter in Erklärungsnotstand geraten. Mittlerweile pilgern sie schon reihenweise und ununterbrochen freiwillig dorthin, um sich für unser Volk zu entschuldigen“.

 

Prof. 2: „Vielleicht sollten wir via Bundesgericht in Lausanne zu erreichen versuchen, dass unsere dortigen Kollegen in einem ihrer nächsten Leiturteile diese so genannte direkte Demokratie nicht nur in der Anwendung spezifischer Verfassungsnormen boykottieren, sondern sie gänzlich abschaffen, wie von mir verlangt. Die Politiker würden – wie immer – einem solchen Urteil vorbehaltlos folgen“.

 

Prof. 1: „Ich fasse unsere heutigen Erkenntnisse zusammen: Wir….“

 

Das Schlussvotum von Prof. 1 wird jäh unterbrochen vom Serviceangestellten, der während der professoralen Debatte Kaffee & Gipfeli servierte und am Rande zugehört hatte.

 

Serviceangestellter: „Sorry, ich wollte eigentlich nur fragen, wer von euch am Schluss die Rechnung für eure Konsumationen bezahlt. Aber, gnädige hohe Herren, erlauben Sie mir eine Bemerkung. Ich komme aus einem fernen Land, wo das Volk nie etwas zu sagen hatte. Es waren dort stets ‚Obrige’, welche elitär die Geschicke bestimmten – zum Wohle des Volkes, wie sie stets sagten. Wir lebten aber stets in Armut und tun es noch heute, deshalb bin ich ja hierher gekommen, wo alles besser ist. Da ich eingebürgert werden möchte, habe ich wegen den nötigen Tests etwas eure Geschichte studiert. Diese zeigt doch klar auf, dass euer zeitweise sehr mutig auch gegen äusseren Druck durchgesetzter Wille des Volkes euch über Jahrhunderte hinweg nicht nur vor grossem Schaden bewahrt, sondern euch zu einem der heute wenigen, erfolgreichen Staat gemacht hat, und…“    

 

Prof. 1 (unterbricht den Serviceangestellten jäh): „Hören Sie sofort auf mit Ihrem Geschwafel, und mischen Sie sich gefälligst nicht in Dinge ein, von denen Sie nichts verstehen. Zur Klarheit: Die Rechnung für die Konsumationen schicken Sie an die vom Bund bezahlte ‚Eidgenössische Beratungsstelle für bessere Demokratie’“.  

 

 

Ronco

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