Das Tagebuch der Menschheit

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Das Alte Testament ist voll von Katastrophenschilderungen: Der Mensch versuchte in einer Welt, für die er nicht geschaffen war, zu überleben (Bild Arche Noah, Wikipedia Commons)

Urs von der Crone Präsident ds-SVP Tessin

Urs von der Crone
Präsident ds-SVP Tessin

Eines der Bücher, das in diesem Herbst bei den Neuerscheinungen für Schlagzeilen gesorgt hat, ist dem „Buch der Bücher“, der Bibel gewidmet. Unter dem Titel „Das Tagebuch der Menschheit – Was die Bibel über unsere Evolution verrät“ schlagen die Autoren C. Van Schaik und K. Michel eine zeitgemässe Bibellektüre vor. Wer das Buch zur Hand nimmt, muss überhaupt nicht religiös sein oder irgendeiner Konfession angehören – es reicht eine Portion Neugierde um mit den beiden Verfassern in der Bibel ganz neue Aspekte zu entdecken, die weit über bisherige Interpretationen hinausgehen. Bekanntlich haben wir grosse Mühe mit dem Verständnis des Alten Testaments, das voll ist von Katastrophen, die über die Menschheit hereinbrachen. Ein jähzorniger Gott will immer wieder die von ihm selbst geschaffene Menschheit strafen oder sogar mit Feuer und Wasser auslöschen. Seit Jahrhunderten bemühen sich Bibelforscher um eine einigermassen verständliche Deutung dieser düsteren Geschichte. Nun präsentieren die beiden erwähnten Autoren, die sich der Erforschung der kulturellen Evolution verschrieben haben, ganz neue Thesen. Das Buch ist in diesem Herbst auf Englisch in Amerika und auf Deutsch in Europa erschienen, Übersetzungen in andere Sprachen werden folgen.

Nach der heiligen Schrift ist die Menschheit aus dem Paradies vertrieben worden – in Tat und Wahrheit handelt es sich um den historisch gut dokumentierten, äusserst schmerzvollen Übergang vom Nomadenleben (als wir alle noch Jäger und Sammler waren und keinen festen Wohnsitz kannten) zum sesshaften Leben und zur Landwirtschaft. Die neue Zeit verlangte von uns, dass wir „im Schweisse unseres Angesichts“ unseren Lebensunterhalt verdienten. Für diese neue Lebensweise waren wir überhaupt nicht gerüstet. Die Ur-Menschen waren ja vorher mehr oder weniger unbekümmert durch die Länder gezogen hatten das reichlich vorhandene Wild gejagt und davon ganz gut leben können. Als das Wild knapp wurde, die Menschheit hingegen zahlreicher, wurden wir gezwungen uns an festen Wohnsitzen niederzulassen, den Boden zu beackern und Lebensmittel zu produzieren. Die alte Sozialstruktur der Jäger- und Sammlergruppen zerbrach. Das gab Spannungen und wir erlebten mit den neuen Lebensgewohnheiten die Kapriolen der Natur, ebenso aber auch Neid und Missgunst unter den Menschen, neue Krankheiten, überbevölkerte Siedlungen und vor allem Krieg. Seuchen verbreiteten sich, weil die Menschen auf engem Raum mit ihren Haustieren leben mussten. Die religiösen Regeln, die im Alten Testament aufgestellt wurden, sind in dieser Deutung nichts anderes als ein Versuch, sich vor all diesen Katastrophen, Kriegen und Krankheiten zu schützen. Die Bibel zeigt auf, mit welchen Strategien wir uns das Überleben gesichert haben und wie wir uns während Jahrhunderten dank der Religion mit jeweils neuen und der Situation angepassten Regeln behauptet haben. Die Einhaltung der strengen Regeln für die Juden im Alten Testament ist in ihrer Zeit lebensnotwendig gewesen – man kann diese aber nie unverändert in unsere Zeit übertragen. Die damaligen Vorschriften dienten dem Schutz vor Krankheiten und Seuchen. Diesen Dienst können heute Medizin und andere Wissenschaften viel zuverlässiger übernehmen. Religion hat immer wieder geholfen, Probleme unserer Evolution zu lösen. Die Funktion und die Zuständigkeit der Religion haben sich im Laufe der Jahrtausende aber gewaltig verändert. Die Autoren der Neuerscheinung drücken es sehr salopp aus: „Gott hat in modernen Tagen andere Aufgaben zu erledigen als damals, als er seine himmlische Karriere antrat, und – erst recht – als in jenen Tagen, in denen er versuchte, die Menschheit in einer gigantischen Flut zu ertränken.“ Wie diese Entwicklung von einer Religion, die uns praktische Ratschläge zum Überleben gab, bis hin zur heutigen viel zuverlässigeren Wissenschaft, die aber auch nicht mit allen Problemen fertig wird, abgelaufen ist, schildert das Tagebuch der Menschheit. Und dieser Bericht über die kulturelle Evolution ist so spannend, dass er auch von Menschen, die an keinen Gott glauben, mit Spannung gelesen wird. Dies ist unter anderem das Verdienst der beiden Autoren Van Schaik und Michel, die – gerade weil sie nicht unbedingt an Gott glauben – die Bibellektüre wieder attraktiv gemacht haben.

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