Das KVG: Gibt es einen Ausweg aus diesem Sumpf?

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Eros N. Mellini

Editorial

Seit das Krankenversicherungsgesetz im Jahre 1996 mit leidenschaftlicher Unterstützung der ehemaligen Bundesrätin Ruth Dreifuss eingeführt wurde, erwies es sich als Kosten- bzw. als Prämientreiber. Da das Gesundheitswesen seit jeher fest in sozialistischer Hand ist, konnte das nicht anders sein, da ja immer die Angehörigen der Mittelklasse und die Reichen zur Kasse gebeten werden, während die Minderbemittelten von Subventionen und Beiträgen des Staates profitieren.

Dieses, seit 22 Jahren in Kraft stehende System ist jeglicher Kontrolle entglitten. Das stellt aber die Geduld all jener auf eine harte Probe, die zwangsweise (die Krankenversicherung ist ja obligatorisch) gemäss diesem „solidarischen“ Konzept auch für die anderen zahlen müssen.

Wenn das heisst, allen Leuten den Zugang zu einer guten, aber auf das Nötige beschränkten medizinischen Grundversorgung zu garantieren, denke ich, dass wir alle mit den Minderbemittelten solidarisch seien. Aber die Dinge sind anders, wenn dieser Zugang bedingungslos auch ausgedehnt wird auf unnötige medizinische Leistungen, die sich die Wohlhabenden mittels Zusatzversicherungen leisten können, die aber für die Gesundung der Patienten nicht von ausschlaggebender Bedeutung sind (Homöopathie, Akupunktur, Chromotherapie etc.). Hier spielt die Solidarität keine Rolle mehr, man geht direkt über zu einer absurden und unbegründeten Geldverschwendung; dies zulasten all jener, die ihre Prämien selber bezahlen und dazu verpflichtet wird, mittels ihrer Steuern (Rubrik „Sozialwesen“) für die anderen zu zahlen.

Anders ausgedrückt: Während ich durchaus willens und bereit bin mitzuhelfen, einem armen Schlucker mit „Budget“-Lebensmitteln der Migros den Hunger zu stillen, weigere ich mich kategorisch, denselben Schlucker in einem Luxushotel drei fürstliche Mahlzeiten pro Tag zu bezahlen. Aber vielleicht habe ja auch ich in einer Zeit, in der die illegalen Einwanderer aufbegehren weil sie das „wi-fi“ nicht kriegen, nicht alles begriffen.

Scherz beiseite: Die Lage verschlimmert sich zusehends mehr, und es ist an der Zeit für einen drastischen Mentalitätswechsel: Schluss mit dem „Recht“ von allen auf alles, die Grundversicherung muss nur die zwingend nötigen Heilungsbehandlungen gemäss traditioneller Medizin abdecken, alles weitere und Wünschbare soll über fakultative Zusatzversicherungen „à la carte“ versichert werden.

Eine Lösung dieser Art wurde von der SVP bereits ab dem Jahre 2004 erwogen mit ihrer Initiative „Ja zur Prämienverbilligung in der Grundversicherung“, die dann zurückgezogen wurde zugunsten eines Gegenvorschlags, der dann 2008 abgelehnt wurde. Ein grosser Mangel dieser Initiative bestand nach Ansicht der Ärzte – darunter auch der leider zwischenzeitlich verstorbene Dr. Gianfranco Soldati – darin, dass man damit die Krankenkassen vom Vertragszwang entbunden hätte, womit es ihnen freigestanden worden wäre, welchen Arzt sie anerkennen würden und welchen nicht, und damit die Spezialisten zur Reduktion ihrer Tarife gezwungen hätten, um von den KK anerkannt zu werden. Aber abgesehen davon lag der positive Effekt dieser Initiative darin, dass man damit das Prinzip einer Gesundheitsversorgung nicht nur „à deux vitesses“, sondern gar „à 100 vitesses“ einführen wollte, d.h. unterschiedliche Versicherungsmodelle mit unterschiedlichen Kosten für jeden Versicherten, wobei man dabei die obligatorische Grundversicherung zu gleichen Bedingungen für alle beibehalten hätte.

Unser Blatt „Il Paese“ hat – wie in ihrer letzten Ausgabe vor den Ferien angekündigt – beschlossen, im Rahmen seiner bescheidenen Möglichkeiten verschiedene Meinungen um das heiss umstrittene Thema Gesundheitswesen zu veröffentlichen. In dieser Ausgabe und in mehreren folgenden werden wir im Rahmen eines „Dossiers KVG“ die Ansichten verschiedener Fachleute veröffentlichen, die ihre Wünsche, Vorstellungen und Vorschläge äussern, die ihrer Ansicht nach ganz oder teilweise zur Lösung des Problems beitragen können. Wir wissen nicht, ob unsere Beiträge die zuständigen Behörden zu veranlassen vermögen, konkrete Massnahmen zu ergreifen, aber wir hoffen, dass dieses sicherlich äusserst wichtige Thema auf das Interesse unserer Leser stossen wird.

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