Analphabeten in der Schweiz?

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Urs von der Crone Präsident ds-SVP Tessin

Urs von der Crone
Präsident ds-SVP Tessin

Der Gang der Geschichte: Von der Keilschrift über die Hieroglyphen zur Buchstabenschrift und wieder zurück zu den Smileys.

Ein ganzes Zimmer habe ich voll von Büchern. Weitere lagern in Kisten auf dem Estrich. Lesen gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Vielleicht gehöre ich zu einer aussterbenden Art von Menschen. Ich kann mir ein Leben ohne Bücher, Zeitungen und Zeitschriften sowie textliche Informationen aus dem Netz gar nicht vorstellen. Umso mehr habe ich Mühe die neusten Zahlen über Menschen in der Schweiz, die mit Lese- und Schreibschwäche kämpfen, zu verstehen. Offenbar sind es gegen 800’000 Personen in unserem Lande, die einen ganz einfachen Text nicht richtig verstehen, geschweige denn sich selber schriftlich ausdrücken können. Liegen die Gründe für diesen erschreckenden Zustand bei der sozialen Herkunft und dem Elternhaus oder ist es unsere heutige Gewohnheit, im SMS-Stil mit verkürzten Sätzen, meist in der Mundart, miteinander zu kommunizieren?

Bisher haben wir die Entwicklung der Schrift als eine der grossen kulturellen Errungenschaften betrachtet. Im vorderen Orient wurde die Keilschrift erfunden, später in Ägypten dienten die Hieroglyphen, eine Art vereinfachte Bildersprache, zur Weiterverbreitung von schriftlichen Mitteilungen. Auf Kreta wurde die Bilderschrift weiterentwickelt. Die Phönizier haben den Grundstein für unser Alphabet gelegt und es entstanden das lateinische, griechische und kyrillische Alphabet. Heute scheint die Entwicklung wieder an ihren Anfang zurückzukehren. Unsere Bahnhöfe sind voll von Piktogrammen, die jedem Besucher – egal welcher Sprache – in Kürze aufzeigen, wo er die Züge, die Busse, das Restaurant, den Billettschalter und die Toiletten findet, ob er rauchen darf oder nicht und dass er seine Füsse vom Sitzplatz herunternehmen soll. Und wie drücken wir in der ganz privaten Kommunikation via E-Mail oder Handy unseren momentanen Gefühls- oder Seelenzustand aus? Wir benötigen keine Worte, geschweige denn ganze Sätze: Wir klicken einfach auf die passenden Emojis und schon weiss der Adressat, wie uns zu Mute ist, ob wir glücklich und zufrieden oder traurig und verärgert sind. Die Welt wird einfacher – aber unsere Fähigkeit, uns mit einem geschriebenen Text auszudrücken, leidet in zunehmendem Masse darunter. Ob die nächste Generation überhaupt noch Texte wird schreiben können?

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